Lektorat Concisum

Der Konjunktiv in wissenschaftlichen Arbeiten

Zum Konjunktiv in wissenschaftlichen Arbeiten könnte eine ganze Monografie geschrieben werden – und das wäre angesichts der ungeheuren Verwirrung, die in Bezug auf dieses Thema besteht, vielleicht auch nötig.

Lassen wir aber die Kirche vorerst im Dorf und sehen wir uns die häufigsten Probleme an.

Was ist ein Konjunktiv und wann wird er verwendet?

Der Konjunktiv ist – neben dem Indikativ und dem Imperativ – einer der drei sog. Modi der deutschen Sprache (auf Deutsch recht treffend als „Aussageweise“ bezeichnet).

Einfach gesagt drückt der Indikativ aus, dass etwas tatsächlich der Fall ist:

An der Studie nahmen 25 Probanden teil.

Der Imperativ (von lat. imperare = befehlen) ist die Befehlsform. Sie steht häufig mit einem Ausrufezeichen.

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Der Konjunktiv knüpft die Aussage an eine Bedingung (lat. conditio) und wird daher auch als Konditionalis bezeichnet. Abhängig davon, ob die Erfüllung der Bedingung als möglich oder unmöglich betrachtet wird, unterscheidet man Potentialis und Irrealis.

Ich würde mich freuen, wenn du morgen zu meiner Party kämest. (Erfüllung der Bedingung möglich – Potentialis)

Ich hätte mich gefreut, wenn du gestern zu meiner Party gekommen wärest. (Erfüllung der Bedingung nicht [mehr] möglich – Irrealis)

Im wissenschaftlichen Bereich ist allerdings eine weitere Funktion des Konjunktivs wesentlich bedeutender: Der Konjunktiv wird für die indirekte Rede bzw. zur Wiedergabe einer Drittmeinung (Paraphrase) verwendet.

Das ist zum Beispiel der Fall, wenn im theoretischen Teil einer Abschlussarbeit Forschungsmeinungen angeführt oder im Ergebnisteil die Ansichten der befragten Interviewteilnehmer vorgestellt werden.

Paraphrasieren mit dem Konjunktiv

Die Paraphrase ist die Wiedergabe dessen, was jemand anders gesagt oder geschrieben hat, in eigenen Worten. Sie steht regelmäßig im Konjunktiv I, es sei denn, dieser hat keine vom Indikativ unterscheidbare Form. In diesem Fall wird der Konjunktiv II als Ersatzform gewählt.

 

Mühlhof erklärt, die Erfindung des modernen Buchdrucks durch Gutenberg sei das entscheidende Kriterium für den Epochenwechsel. Dementsprechend habe man das Ende des Mittelalters um 1450 anzusetzen. (Konjunktiv I)

Kunkel ist mit dieser Epochengrenze einverstanden, wählt jedoch ein anderes Kriterium. Statt Gutenberg hätten vielmehr die Osmanen mit ihrer Eroberung Konstantinopels im Jahr 1453 den Grundstein für den Wandel gelegt. Die mit der Ausbreitung des Osmanischen Reiches zunehmend blockierten Handelsrouten nach Asien erwiesen sich bei genauem Hinsehen als Auslöser für die Suche nach einem alternativen Seeweg nach Indien und somit für die Entdeckung des amerikanischen Kontinents. (Konjunktiv II als Ersatzform)

 

Zwei weitere Beispiele, die aus dem Ergebnisteil einer empirischen Arbeit stammen könnten:

 

Interviewpartner 4 betont die Notwendigkeit, schnell zu handeln. Das neue System müsse umgehend implementiert werden, um weiteren Datenverlusten vorzubeugen. (Konjunktiv I)

Interviewpartner 7 sieht hingegen keinen Handlungsspielraum. Für ein Projekt dieser Größe fehlten aktuell schlicht die Kapazitäten. (Konjunktiv II als Ersatzform)

 

Häufig wird jedoch der Konjunktiv verwendet, wo eigentlich der Indikativ stehen müsste, und umgekehrt der Indikativ, wo der Konjunktiv zwingend wäre.

Konjunktiv oder Indikativ – Welcher Modus ist der richtige?

Prinzipiell kann eine Drittmeinung im Indikativ (als Feststellung) oder im Konjunktiv (als Paraphrase) formuliert werden. Sehen wir uns die Unterschiede im direkten Vergleich an:

 

Paraphrase (Konjunktiv)

Mühlhof erklärt, die Erfindung des Buchdrucks sei das zentrale Kriterium.

Mühlhof ist der Ansicht, dass die Erfindung des Buchdrucks das zentrale Kriterium sei. 

Interviewpartner 4 gab an, er sehe die Notwendigkeit, schnell zu handeln.

Es bestehe die Notwendigkeit, schnell zu handeln, so die Meinung von Interviewpartner 4.

               

Feststellung (Indikativ)

Mühlhof sieht die Erfindung des Buchdrucks als zentrales Kriterium.

Laut Mühlhof ist die Erfindung des Buchdrucks das zentrale Kriterium. 

Interviewpartner 4 betont die Notwendigkeit, schnell zu handeln.

Interviewpartner 4 zufolge muss schnell gehandelt werden.

 

Worin besteht nun der Unterschied?

Grammatisch gesehen handelt es sich bei den Paraphrasen um abhängige Sätze. Das heißt, sie stehen nicht für sich allein, sondern hängen von einem übergeordneten Satz ab, von dem sie durch ein Komma getrennt sind: Mühlhof erklärt …, Mühlhof ist der Ansicht …, Interviewpartner 4 gab an …

Auch verkürzte Sätze wie „…, so die Meinung von …“ gelten als übergeordnete Sätze, weshalb sie von der Paraphrase ebenfalls durch ein Komma abgetrennt werden.

Bei den Beispielen zur Feststellung gibt es hingegen keine abhängigen Sätze. Das, was der Forscher oder Interviewpartner denkt, sagt, glaubt oder sogar fühlt, wird als Tatsache ausgedrückt:

 

Interviewpartner 4 fühlt sich von seinen Teamkollegen bedrängt.

 

Dasselbe als Paraphrase:

 

Interviewpartner 4 gab an, er fühle sich von seinen Teamkollegen bedrängt.

 

Der Unterschied ist also im Wesentlichen ein stilistischer. Es geht hier nicht um die Frage, welche Darstellungsweise „richtig“ oder „falsch“ ist, sondern darum, wie der Autor oder die Autorin die angeführten Positionen darstellen möchte.

Die Paraphrase im Konjunktiv vermittelt dabei etwas mehr Distanz zur Aussage. Sie sollte gewählt werden, wenn man als Verfasser/-in die Aussage in Zweifel zieht oder sich dazu nicht positionieren möchte:

 

Sánchez gibt zu bedenken, Papst Pius XII. habe zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis von diesen Vorgängen gehabt [– diese Ansicht ist jedoch aus Sicht des Verfassers nicht zweifelsfrei belegbar].    

    

Entschiedener:

 

Gemäß Sánchez hatte Papst Pius XII. zu diesem Zeitpunkt keine Kenntnis von diesen Vorgängen [– und diese Ansicht ziehe ich als Verfasser auch nicht in Zweifel].

Zusammenfassung

Der Konjunktiv steht in Nebensätzen, die von einer übergeordneten Aussage abhängen, von der sie durch ein Komma getrennt sind (N. ist der Ansicht/Meinung …, N. erläutert/erklärt …, N. macht deutlich/darauf aufmerksam, dass … usw.).

 

Huber betont, ein quantitativer Ansatz sei in diesem Fall unumgänglich.

 

Drittmeinungen können aber auch als Feststellungen in einem Hauptsatz formuliert werden – sofern deutlich wird, von wem die Ansicht stammt. Signalwörter sind Präpositionen wie „laut“, „gemäß“, „zufolge“ oder Verben wie „sehen/beschreiben (als)“, „halten (für)“ usw. Der Inhalt der Aussage ist in diesem Fall nicht durch ein Komma vom Satzteil abgetrennt, in dem der Name der betreffenden Person genannt wird.

 

Laut Huber ist ein quantitativer Ansatz in diesem Fall unumgänglich.

Huber hält einen quantitativen Ansatz in diesem Fall für unumgänglich.